Foto: Lisa Glauer

ONLOOKERS, PART II
(FROM THE SERIES: LOOKING AT LOOKERS)

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Versuche, Wissen und Entscheidungsfreiheit auf eine andere Grundlage zu stellen, treffen auf monumentale Maschinen der Disziplin und Kontrolle. Während Gesellschaften ihre normativen Rahmenbedingungen inmitten globaler Gegenreaktionen verschärfen, wird ihre Macht immer deutlicher spürbar. Lisa Glauer hat sich in ihrer Arbeit beharrlich mit der widersprüchlichen Machtpolitik befasst, die die Geschichte des Berliner Krankenhauskomplexes Charité prägt.

Jan Verwoert, in: What if it won’t stop here? Archive Books, 2018

Das großformatige, in fetter, tiefschwarzer Ölfarbe auf strahlend weiße Leinwand gedruckte Bild zeigt einen mittels Linolschnitt hergestellten Ausschnitt eines Hörsaalpublikums.

Die Farbe ist unterschiedlich dick und fleckig. Der Farbauftrag zeigt deutliche Spuren des Herstellungsprozesses. Die Figuren wirken grob gehauen und teilweise stark abstrahiert. Teilweise sind die Gesichter weiß übermalt. Sie wirken ausradiert. Es ergibt sich ein halbabstrahiertes Gitter von Zuschauenden.

Unter den dargestellten Figuren befinden sich Krankenschwestern und Ärzt_innen sowie alle möglichen anderen an professionalisierter medizinischer Sorgearbeit Beteiligten, die eine_r/m Vortragenden zuhören.

Das Bild hält fest wie ihr medizinischer Blick entwickelt, geschult und geformt wird.

Wir blicken auf Figuren die so da sitzen wie es Menschen im Hörsaal bis heute tun. Sie sitzen teilweise unbequem an Rückenlehnen gelehnt, mit gekreuzten Armen, skeptischem oder aber gelangweiltem Blick, sie flüstern oder flirten mit Nachbarn oder schauen an die Decke... sie sind erwartungsvoll, genervt, interessiert.

Ausstellungsbesucher_innen befinden sich vor dem Bild somit entweder in der Position des Anschauungsobjekt oder der/des Vortragenden.

Die Arbeit zitiert ein Archivbild der 60/70er Jahre, das in der Frauenklinik der Charitè aufgenommen wurde, die sich damals in der ehemaligen DDR befand.

Fotos: Patricia Escriche

ÜBER LISA GLAUER

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Lisa Glauer ist eine sozial engagierte Künstlerin und Schriftstellerin, die seit 2002 in Zusammenarbeit mit Kunstinstitutionen und der "Freie Szene" in Berlin arbeitet.

Vertreten wird Lisa Glauer durch Kang Contemporary Berlin und Ballery, Berlin.

Ihre zentralen Themen sind Malerei, Körper, Materialität, Grenzgebiete und Erinnerung.

(Kunst und Gedenken, der medizinische Blick, Psycho-Urbanismus).

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WEITERE PROJEKTE

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04/09/2020